Kommentar zu schlecht recherchiertem blauäugigen Artikel in der Wiener Zeitung

„Von Brot allein kann niemand leben“ übertitelte Christa Karas ihren Artikel in der Wiener Zeitung vom 18. November 2009. Damit hat sie zweifelsohne recht. Doch ihre Schlussfolgerung, dass der mit Provitamin-A versetzte so genannte „Golden Rice“ das Problem der Mangelernährung in Asien lösen könnte, ist eine irrige Annahme. Ich war jahrelang in der Entwicklungspolitik, unter anderem in Südostasien, tätig und verfolge als Expertin für pflanzengenetische Vielfalt und sozio-ökonomische Auswirkungen von Gentechnik in der Landwirtschaft und ausgebildete Biochemikerin die Diskussion um den Golden Rice mit großer Skepsis. Dieser viel zitierte Reis bringt keine Lösung des Hungerproblems sondern eine Verlängerung. Dafür gibt es mehrere Gründe.

  1. Die Entwicklung des Golden Rice ist noch immer nicht so weit gediehen, dass er großflächig in tropischen Gegenden angebaut werden könnte. Das liegt nicht, wie von Christa Karas behauptet, am Widerstand von Umweltschutzorganisationen sondern an der komplexen Gentechnologie.
  2. An dieser Reissorte hängen aufgrund der gentechnischen Entwicklung unzählige Patente (mittlerweile wohl schon weit über 70). Wie eine patentrechtliche Regelung aussehen könnte, damit dieser Reis tatsächlich armen Menschen zugänglich gemacht werden kann, ist nicht geklärt.
  3. Die mangelernährten Menschen in Asien, die sich fast nur mehr von Reis ernähren können, leiden an vielen Mangelerscheinungen, nicht nur an Vitamin A-Mangel, u.a. auch an Zinkmangel. Zink ist aber notwendig, um Provitamin A (Betakarotin), das im Körper in Vitamin A umgewandelt wird, aufnehmen zu können, ebenso wie Fett, dass diesen armen Menschen auch nicht zur Verfügung steht. Die extrem einseitige Ernährung, die ich selbst in einem armen Dorf in Bangladesh erleben konnte, wurde durch die so genannte „Grüne Revolution“ von Norman Borlaug hervorgerufen. Entgegen der Behauptung in oben genanntem Artikel hat diese sich sehr wohl durch staatlichen Druck in Asien durchgesetzt und zu Schuldenspiralen unter armen Bauern und Bäuerinnen geführt. Borlaugs Hochertragshybride, die in Monokulturen unter Zufuhr von diversen Agrochemikalien angebaut werden mussten, verdrängten nämlich eine Vielfalt an Nahrung für die Armen wie etwa Provitamin A-haltige Blattgemüse sowie Fische, Krabben, Enten in den Reisfeldern. Die Verschmutzung durch die Agrochemikalien zerstörte weitere Nahrungsquellen für die Armen. Sogar das International Rice Research Institute (IRRI), Hauptbetreiber der Grünen Revolution in Asien, gab schließlich zu, dass die Grüne Revolution die Mangelernährung unter den Armen verschlimmert hat.
  4. Dieser genmanipulierte Reis soll im Zentrum der pflanzengetischen Vielfalt (Vavilov-Zentrum) für Reis angebaut werden. Mit Sicherheit ist dann mit einer Kontamination der noch vorhandenen vielfältigen Reissorten zu rechnen, einem nicht wieder gut zu machenden Schaden an der Grundlage für weitere Reiszüchtungen.
  5. Allein in den ersten 10 der mittlerweile etwa 20 Forschungsjahren zum Golden Rice hat das Projekt 100 Mio US$ an öffentlichen Geldern verschlungen. Dann wurde das öffentlich geförderte Forschungergebnis an den weltgrößten Agrokonzern Syngenta verkauft. Mit diesem öffentlichen Geld hätte man eine Menge von Maßnahmen, die sofortige Wirkung zeigen, umsetzen können. So haben etwa Hausgartenprojekte mit Frauen in Thailand und Bangladesh gezeigt, dass selbst in den kleinsten Gärten eine Fülle von verschiedenen nahrhaften Gemüsen und Obst mit allen Vitaminen und Spurenelementen, nicht nur Betakarotin, produziert werden können. Der Gesundheitszustand der Familien dieser Frauen hat sich erheblich gebessert und damit auch die Provitamin A-Aufnahme. Schon täglich 200 g grünes Blattgemüse können den Provitamin A-Bedarf eines erwachsenen Menschen decken, mit Golden Rice ist das nicht möglich, selbst wenn es ihn schon zu essen gäbe. Hätte man die vielen Millionen öffentlicher Gelder für solche Projekte, die Anleitung zur Selbsthilfe geben und vor allem Frauen ihre wichtige Rolle in der Ernährung ihrer Familien, die sie durch die Grüne Revolution verloren hatten, zurückgeben, so hätte man in den letzten 20 Jahren bereits viel Blindheit, Leiden und Tod vermeiden können. So gesehen hat der Golden Rice, der immer noch nichts zur Linderung des Vitamin A-Mangels beiträgt, verhindert, dass vielen armen Menschen geholfen wird.
  6. „Von Brot allein kann niemand leben“ hieß der Artikel. Aber implizit findet die Autorin nichts dabei, wenn die Ärmsten dieser Welt von Reis allein leben sollen. Das ist jetzt der Fall, und soll auch so bleiben, wenn es nach den Vorstellungen machbarkeitsverliebter Wissenschafter geht. Denn als ich einmal einen solchen bei einer Diskussionsveranstaltung fragte, was er denn zur Behebung all der anderen Ernährungsmängel, an denen einseitig ernährte Menschen in Asien leiden, vorschlage, antwortete er mir allen Ernstes, dass man dann eben alle Vitamine und Spurenelemente in den Reis einbauen wird. Für mich ist das eine unfassbare europazentrierte Überheblichkeit.

Davon abgesehen sind Hunger und Mangelernährung kein Problem eines Mangels an hochwertiger Nahrung auf dieser Welt ist, sondern ein Verteilungsproblem. Ein Verteilungproblem lässt sich nicht durch eine Technologie lösen. Das hat schon die Grüne Revolution gezeigt, obwohl Norman Borlaugs Technologie damals nicht in den Händen der Industrie sondern in denen der internationalen Landwirtschaftszentren lag. Die Gentechnologie hingegen unterliegt der Kontrolle von Großkonzernen, die nur an ihrem Profit interessiert sind. Und der Golden Rice soll zur Imagehebung der Gentechnik in der Landwirtschaft dienen. Deshalb will ihn Syngenta an arme Bäuerinnen und Bauern zunächst gratis verteilen. Ob das angesichts der vielen Patente überhaupt möglich ist, bleibt noch zu klären. Jedenfalls wurde dabei an die vielen mangelernährten Menschen in den Slums der Großstädte noch nicht gedacht. Doch nur ein generelles Umdenken wird das Hungerproblem lösen.

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