Subventionen für Verein dialog<>gentechnik kritisch überdenken

Gentechnik bewegt die Gemüter. Beim StadtexpertInnengespräch “Wer hat Angst vorm bösen Gen?“ am 11. März im Rathaus ging es kontrovers zu. Denn u.a. wurde die Frage erörtert, ob der Verein dialog<>gentechnik die für einen Verein unüblich hohen öffentlichen Subventionen im Sinne der Öffentlichkeit oder im Sinne der so genannten „Live Science“ Industrie verwendet. Da warfen selbst angesehene WissenschafterInnen ihre wissenschaftliche Seriosität über Bord. Rund 120 Interessierte füllten den grauen Salon zum Bersten.

Der graue Salon im Rathaus zum Bersten voll.

Ich hatte als Gentechniksprecherin der Grünen Wien zu diesem Gespräch eingeladen, um einen Dialog zwischen den WissenschafterInnen des Vereins dialog<>gentechnik und anderen ExpertInnen in Gang zu bringen. Der Verein beschreibt sich als unabhängig, gemeinnützig und der wissenschaftlichen Seriosität verpflichtet, und beteuert, ausgewogen, verständlich und kompetent zu informieren. Jedoch an dessen Ausgewogenheit wird mancherorts gezweifelt. Denn viele Berichte und Studien, die sich kritisch mit Gentechnik in der Landwirtschaft auseinandersetzen, werden auf der Vereins-Website nicht einmal erwähnt. Bei einem Gespräch mit Vorstandsmitgliedern im vergangenen Oktober hatte ich den Eindruck einer gewissen Bereitschaft, sich auch mit den Positionen anderer zu befassen. Es scheint, ich hatte mich geirrt.

Podium v.l.n.r.:Steffen Nichtenberger, Greenpeace, Josef Hoppichler, Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Andrea Barta, Univ.Prof. Medizinische Biochemie, Sprecherin dialog<>gentechnik, Ruth Chylik, Moderatorin, Grüne Wien, Eva Lachkovics, Gentechniksprecherin, Grüne Wien, Renée Schroeder, Univ.Prof. Institut für Biochemie, Werner Müller, Global 2000.

Allein zwischen 2003 und 2008 erhielt dialog<>gentechnik insgesamt mehr als 1 Mio. Euro von den Gesundheits-, Wirtschafts– und Wissenschaftsministerien. Auch von der Stadt Wien gibt es jährlich Geld. Im Jänner 2010 wurden wieder 100.000 Euro bewilligt. Andere Organisationen, die über Gentechnik informieren, bekommen aus diesen öffentlichen Töpfen nichts. Der Verein dialog<>gentechnik wird nur aus Steuergeld finanziert und hat damit eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, korrekt zu informieren. Umso mehr als er auch Unterlagen für Schulen zur Verfügung stellt und Kurse für Kinder und Jugendliche abhält. Jedoch sowohl auf der Vereins-Website als auch in den Unterlagen für Schulen finden sich Behauptungen etwa über positive Auswirkungen der Gentechnik in der Landwirtschaft, die längst widerlegt wurden. Desinformation wird einerseits durch falsche Informationen und andererseits durch das Verschweigen von negativen Erkenntnissen über die Auswirkungen von Gentechnik in der Landwirtschaft verbreitet.

In den zwei Stunden der Podiumsdiskussion zwischen VertreterInnen von dialog<>gentechnik, der Biowissenschaften, von Global 2000, Greenpeace, der Bundesanstalt für Bergbauernfragen und mir gab es keine Antwort auf die Frage, warum viele gentechnikkritische Studien auf der Vereins-Website keine Erwähnung finden. Darunter eine Studie des US Department of Agriculture (US Landwirtschaftsministerium), Langzeitstudien von Fütterungen mit genmanipuliertem Mais, der Weltagrarbericht, eine vierjährige Studie von ca. 400 ExpertInnen aus 58 Ländern über Landwirtschaft und Technologie, eine aktuelle Studie von besorgten US-WissenschafterInnen (Union of Concerned Scientists) oder eine ebenso aktuelle Studie von Friends of the Earth International. Wissenschaftliche Kriterien wurden als ein Grund angeführt. Aber bei näherer Überprüfung der Website wird klar, dass sich der Verein selbst nicht an diese Kriterien hält. Statt dessen kamen zum Teil völlig unwissenschaftliche Polemik und populistische Sager von Seiten der GentechnikbefürworterInnen am Podium und im Publikum. Ebenso trat eklatantes Unwissen über negative Auswirkungen der landwirtschaftlichen Gentechnik und über Zusammenhänge im Pflanzenbau zu Tage. Wenn eine Biowissenschafterin vehement die Gentechnologie in der Landwirtschaft verteidigt und als geniale erfolgreiche Technik bezeichnet und schließlich zugeben muss, dass sie weder von neueren Erkenntnissen über deren negative Auswirkungen noch von Landwirtschaft etwas versteht, ist das nicht nur peinlich sondern bedenklich.

Renée Schroeder und Werner Müller

Die Diskussion vermittelte den Eindruck, dass die Informationen auf Website und in den Schulunterlagen willkürlich entsprechend gewissen Interessen ausgewählt werden und Wissen außerhalb der engen wissenschaftlichen Community nicht wahrgenommen wird. Besorgniserregend bei einer Technologie mit weitreichenden Folgen für die Zukunft, die weder nachhaltig noch klimafreundlich ist. Ihre kommerzielle Anwendung wird zu etwa 90% vom Agromegakonzern Monsanto kontrolliert und trägt damit zu noch größerer Ungleichverteilung zwischen Arm und Reich bei. Aber sicher nicht zur Lösung des Hungerproblems auf der Welt. Die geldgebenden Ministerien und Umweltstadträtin Sima wären gut beraten, ihre großzügigen Förderungen des Vereins dialog<>gentechnik kritisch zu überdenken.

Eva Lachkovics und Renée Schroeder

Fotos: Michael Schmid

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