Mündige engagierte BürgerInnen sind im Weltbild der SPÖ nicht vorgesehen.

Die Online-Zeitung WIEN-FIRST brachte am 30. August 2010 in der Nummer 35/2010 einen kritischen Artikel über das Autobahnprojekt am Landstraßer Gürtel unter dem Titel „Horror oder Fortschritt?“. Darin wurde ausführlich auf die Kritik der BürgerInneninitiative Lebensraum Landstraßer Gürtel (BI-LLG) eingegangen. Die Grünen wurden nur kurz erwähnt, allerdings keineswegs mit inhaltlichen Aussagen.

Postwendend ließ Stadtrat Schicker den Autor und Herausgeber von WIEN-FIRST Herrn Karl Wrumen durch sein Büro zurechtzuweisen: „So sehr wir uns über die prominente Positionierung unserer ‚Achtung Zebra‘-Aktion gefreut haben, so schade finde ich, dass die inhaltlich KOMPLETT (!) falschen und auch klar widerlegbaren Aussagen der Landstraßer Grünen zum Bauprojekt ‚Landstraßer Gürtel / A23-Anschlusstelle – Landstraßer Hauptstraße‘ gänzlich unhinterfragt mitabgedruckt wurden.“

Stadtrat Schicker spricht den Bürgerinnen und Bürgern der Landstraße eine eigene Meinung ab. Ein Affront gegenüber BI-LLG, die er auch noch beschimpft. Und leicht und klar widerlegbar sind Stadtrat Schickers Behauptungen:

Schicker: Das gesamte Baulos des Projekts reicht zwar bis zur Kleistgasse, die Autobahn selbst reicht allerdings nur bis auf Höhe Möbelhaus Lutz und auch dies nur in der neuen Unterführung! Die Rampen im Bereich des Landstraßer Gürtels sind KEINE AUTOBAHNEN. Die Aussagen „Landstraßer Gürtel wird Autobahn“, „Autobahn bis Hauptbahnhof“ oder „Verlängerung der Tangente bis zur Prinz-Eugen-Straße“ sind in jeder nur erdenklichen Hinsicht falsch!

Richtig: Das aktuelle Projekt reicht bis zur Kleistgasse. Laut offiziellen Unterlagen ist aber langfristig die Verlängerung der Autobahnabfahrt bis zur Prinz-Eugen-Straße geplant.

Schicker: Die veranschlagte Projektskosten betragen 100,95 Mio. EUR – die von den Grünen behauptete Steigerung auf 125 Mio. EUR ist absurd und entbehrt jeglicher Grundlage.

Richtig: Die veranschlagten Projektkosten betragen 100,95 Mio.€. Davon soll die Stadt Wien 49,54 Mio. berappen. Die Erfahrung der letzten 20 Jahre in Wien zeigt, dass derartige Projekte im Endeffekt um etwa 25% mehr kosten. Daher ist hier also mit rund 125 Mio. Euro zu rechnen.

Schicker: Die Behauptungen zum Thema Lärm: ebenfalls falsch! Durch die Einhausung der Autobahnabfahrt und die Lärmschutzwände wird die Lärmbelastung reduziert!

Schon jetzt Verkehrslawine an der Tangentenabfahrt.

Richtig: Es werden zusätzliche Autobahnfahrbahnen gebaut, aber nur eine davon eingehaust. Einhausung und Lärmschutzwand werden sich entlang des Wildgansplatzes befinden. Da die massiven Straßenverbreiterungen mehr Verkehr anlocken, kommt es auf dem Landstraßer Gürtel, auf der Landstraßer Haupstraße, auf der Fasangasse und auf anderen Straßen im Bezirk zu erhöhter Lärmbelästigung. Schon jetzt ist der Autolärm dort unerträglich.

Schicker: Die Behauptung einer dramatischen Reduktion von Grünraum und Bäumen ist auch unrichtig. Tatsächlich wird die Grünfläche beim Peter-Strasser-Hof zwar verkleinert, aber nur teilweise verbaut. Weiters entstehen entlang des Landstraßer Gürtels neue Baumscheiben.

Ausblick auf Grünoase vom Strasser-Hof jetzt. ©M.Schmid

Ausblick vom Sttrasser-Hof in Zukunft? ©M.Schmid

Richtig: Es wurde bereits ein Wäldchen auf den Aspanggründen gerodet und wird von den AnrainerInnen schmerzlich vermisst. Vom idyllischen Park beim Peter-Strasser-Hof wird nur mehr ein schmales Streifchen übrig bleiben. Naherholungsraum, der die Schadstoffe von der Autobahn abfangen kann, ist das keiner.

Schicker: Die Bedürfnisse von FußgängerInnen und RadfahrerInnen wurden berücksichtigt: Schaffung von Radwegen auf beiden Seiten des Landstraßer Gürtels von Kleistgasse bis Landstraßer Hauptstraße; Schaffung eines Radweges auf Seite des Eurogates-Geländes in der Landstraßer Hauptstraße von Rennweg bis Landstraßer Gürtel.

Richtig: Die Landstraßer Grünen haben nur die zusätzlichen Barrieren für die FußgängerInnen kritisiert. Die neuen Radwege begrüßen wir, bedauern aber, dass sie neben der Autobahn mit hoher Abgasbelastung verlaufen. Für die FußgängerInnen stellen die breiteren Straßen natürlich eine noch größere Barriere als jetzt dar. Und wie FußgängerInnenunterführung in Wien aussehen, wissen wir leider.

Schicker: Die Strecke Landstraßer Gürtel – A23 wird künftig in der Unterführung verlaufen, man fährt also unter dem Kreuzungsbereich durch, was eine wesentliche Entspannung für Fußgängerinnen, aber auch für eine Beschleunigung der Straßenbahnlinie 18 sorgt. Auch die Fußgängerunterführung bei der Adolf-Blamauer-Gasse/Ghegastraße bringt mehr Sicherheit für die Fußgängerinnen und eine Verbindung in das Eurogate-Gelände mit der Straßenbahnlinie 18. Mit den Punkten 5. und 6. ist wohl auch klar, dass die Verkehrsplanung – entgegen der Behauptung – nicht nur für Autos erfolgt.

Richtig: Die Beschleunigung der Linie 18 ist natürlich zu begrüßen. Dazu braucht man aber nicht eine Autobahn in einen Bezirk zu verlängern. FußgängerInnenunterführungen werden in Wien aus verständlichen Gründen (umständlich, finster, schmutzig, bedrohlich) wenig akzeptiert. Die am Ring wurden mittlerweile wieder durch Zebrastreifen ersetzt. Es gibt unverständlicherweise auch nur einen Lift. Wenn er ausfällt, haben gehbehinderte Menschen halt Pech gehabt.

Schicker: Die Kreuzung Landstraßer Gürtel / Anschlussstelle A 23 – Landstraßer Hauptstraße ist ein Provisorium aus den 70er Jahren. Von 2010–2012 werden der gesamte Kreuzungsbereich sowie der angrenzende Wildgansplatz neu gestaltet. Für die Anrainerinnen und Anrainer sind, genauso wie für die Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer, viele Verbesserungen vorgesehen.

– gesteigerte Wohnqualität durch optimalen Lärmschutz (Einhausung)

Richtig: Der Lärmschutz ist nicht optimal. Die AnrainerInnen haben mehr Lärm zu erwarten.

– höhere Verkehrssicherheit

Frage: Worin soll die bestehen?

– besserer öffentlicher Verkehr (Straßenbahnlinie 18) und Kfz-Verkehr

Richtig: Die Beschleunigung der Linie 18 ist eine Verbesserung, die Beschleunigung des Kfz-Verkehrs nicht, so werden nur zusätzliche Autos von außerhalb durch den ganzen Bezirk geschleust.

– höhere Leistungsfähigkeit der Anschlussstelle A 23 – Landstraßer Hauptstraße

– Künftig wird man auch von der Landstraßer Hauptstraße auf die A 23 links abbiegen können.

Richtig: Beides zieht zusätzlichen überregionalen Kfz-Verkehr an und ist laut Asfinag der eigentliche Grund für das Projekt. Sie will die Staus an dieser Abfahrt verringern. Sie werden nun in den Bezirk verlegt.

– bessere Erreichbarkeit der Stadtentwicklungsgebiete Eurogate und Arsenal

Frage: Durch eine Autobahn, die daran vorbeiführt?

Schicker: Für die Prognose des Verkehrsaufkommens im Jahr 2025 wurde eine lärmtechnische Untersuchung durchgeführt. In der Lärmkarte wird dargestellt, welcher Unterschied hinsichtlich der Lärmbelastung 2025 mit und ohne Umsetzung des Projekts für die AnrainerInnen besteht. Dabei zeigt sich, dass bei den direkten AnrainerInnen eine Verbesserung entsteht.

Richtig: Wir haben eine Studie bei einem Planungsbüro in Auftrag gegeben. Dieses konnte das oben genannte Ergebnis nicht bestätigen.

Schicker: Der einzige Horror ist, dass tiefste Polemik gegenüber einem wichtigen Bauprojekt als „hochqualitative Argumente“ tituliert wird.

Richtig: Für Stadtrat Schicker ist die Darstellung der Tatsachen durch die betroffenen BürgerInnen Polemik. Die BI-LLG hat zahlreiche Gespräche mit allen Beteiligten geführt, sich umfassend informiert und ihre Kritikpunkte mit Experten und Expertinnen erarbeitet. Stadtrat Schickers Abkanzeln ihrer hochqualifizierten Arbeit stellt eine Beleidigung mündiger engagierter Bürger und Bürgerinnen dar, die ihresgleichen sucht. Auch wir Grünen haben uns intensiv mit dem Projekt auseinandergesetzt und Studien machen lassen und kamen im Wesentlichen zum selben Ergebnis wie die BI-LLG. Es wäre erfreulich, wenn Stadtrat Schicker, die Sorgen dieser engagierten Menschen ernst nähme statt sich mit Halbwahrheiten und Schönfärberei zum Sprecher der Baulobby zu machen.

Advertisements